Von der Gleichgültigkeit des Erwachsenseins und dem Mut, wieder innezuhalten

Wenn wir als Kinder zum allerersten Mal dem Meer begegnen, wenn der Wellenschaum an unseren Füßen kitzelt und wir unsere winzigen Fußspuren im feuchten Sand hinterlassen, begegnen wir dem Farbenzauber, den uns der Ozean offenbart, mit Ehrfurcht und Demut. Wir würdigen jede einzelne Muschel, als wäre sie ein vollkommenes Kunstwerk, ein unverzichtbarer Zauber, ohne den wir nicht mehr leben können. Unsere Taschen füllen sich rasend schnell mit bunten Einzelstücken und den Worten „aber sie ist so WUNDERSCHÖN, ich BRAUCHE sie, genau sie!“ Keine ist wie die andere und jede besonders genug, um ihr unsere Bewunderung zu schenken. Zuhause füllen wir unsere Errungenschaften in Gläser, die uns Jahre später ebenso wie der Blick auf die Muscheln am Strand allenfalls noch ein müdes Lächeln entlocken. Sie sind Zeugen längst verblasster Erinnerungen an die Magie der Kindheit, in der wir das Leben umarmen, weil es uns jeden Tag etwas Neues schenkt, das es zu entdecken gibt. Doch irgendwann sind es nicht nur die Erinnerungen, die verblassen, sondern auch die Farben der Muscheln, um die wir nicht mehr herum tänzeln, sondern die unter unseren Schuhsohlen knirschen. Es formen sich keine Worte der Bewunderung mehr in unseren vor Glück erhellten Gesichtern, sondern nur ein leises „ach, so eine kenne ich schon“ in unseren Köpfen, bevor es, kaum zu Ende gedacht, schon von der nächsten Gedankenwelle überschwemmt wird.

Ich würde sagen, Muschelsuchen und das Leben sind untrennbar miteinander verbunden. Für Kinder ist selbst die kleinste Muschel ein großes Wunder, weil für sie alles erste Male sind. Sie öffnen ihr Herz für die Schönheit der Welt, weil sie noch keine Zeit hatten, sich daran zu gewöhnen. Im Laufe der Zeit sind wir so beschäftigt damit, ein Leben zu führen, dass wir vergessen, wie man es lebt. Wir betrachten die Dinge als etwas, das uns nicht mehr überraschen kann, weil wir es doch schon längst erlebt haben. Wir suchen eindringlich nach einzigartigen,  Erinnerungen für unser Glas – und übersehen dabei, dass es, genauso wie uns die Muschel vielleicht an eine andere erinnert, die wir schon kennen – ganz sicher eine Neue ist. Vielleicht sollten wir wieder öfter innehalten, die kalte, salzige Seeluft einatmen, uns runterbeugen und diese Muschel einmal näher betrachten. Vielleicht sollten wir, anstatt in ihr nach all dem zu suchen, was wir schon kennen, lieber das Muster in der Muschel suchen, das sie von den anderen unterscheidet – und sie endlich wieder mitnehmen.