Von der Traurigkeit, und dem Mut, ihr entgegenzutreten.
Das Wasser umspielte zart ihre Fußsohlen. Sie spürte, wie der Sand darunter sanft aufs Meer hinausgesogen wurde und sie immer tiefer in den feuchten Boden hinein sank. Ihre Gedanken kreisten wild, wie der Schwarm Möwen über den Wellen ein paar Meter von ihr entfernt. Ihre Laute drangen an ihre Ohren, doch sie wirkten so weit weg, als würde das Geschrei aus einem Traum an ihr Bewusstsein schallen. Ganz genau so fühlte sie sich seit Jahren. Da war etwas, das aus der Dunkelheit nach ihr rief, aber diese Dunkelheit war so beängstigend, so unheimlich, dass sie sich lieber dem Licht entgegenwandte – wohl wissend, dass ihr die Finsternis langsam, aber stetig den Sand unter den Füßen wegspülte, und sie irgendwann in ihrem ganz eigenen Meer ertrinken würde – die Hände krampfhaft auf die Ohren gepresst.
Mit festem Schritt stapfte sie über den Strand, das Meer immer zu ihrer Rechten. Muscheln zerbrachen unter ihren Stiefeln, aber sie ignorierte betont das schlechte Gewissen, das sich wie Morgennebel in ihr auszubreiten versuchte. Endlich tauchten sie vor ihr am Horizont auf. Vor vielen Jahren war sie schon einmal hier gewesen. Damals hatte es gestürmt und geregnet, heute schien die Sonne warm in ihr Gesicht. So vieles hatte sich seither verändert. Und so vieles war immer noch genauso wie früher. Der Platzregen war vorübergehenden Regenschauern gewichen, und die Sonne tauchte sie immer öfter in ihr goldenes Licht. Aber der Sturm, der war immer noch da. Unvermeidlich wütete er in ihrem Inneren. Nachts rappelte er lautstark an allen Türen und losen Ziegeln, heulte um scharfe Kanten und Ecken, machte es ihr unmöglich, zu schlafen. Und am Morgen machte sein eiskalter Wind es ihr unglaublich schwer, die Wärme ihres Bettes aufzugeben, um sich ihm entgegenzustellen.
Im Laufe der Jahre hatte sie die laute Stimme des Sturms erfolgreich in den Hintergrund verbannt. Eine ganze Weile hatte sie ihn kaum noch wahrgenommen. Zufrieden und beinahe stolz hatte sie dem Leben triumphierend ein „Na siehst du! Ich bin stärker als das!“, vor die Füße geschleudert. Doch das Leben blickte nur kurz mitleidig seufzend auf, bevor es sich wieder den wirklich Erfolgreichen zuwandte – und spiegelte darin ihr eigenes Versäumnis. Denn anstatt sich dem Sturm entgegenzustellen, anstatt die Fußsohlen fest im Boden zu verankern, die Kapuze mit beiden Händen festzuhalten und die Nase in den eiskalten Wind zu recken, hatte sie die Türen nie geöffnet. Und die Stimme des Sturms war im Laufe der Zeit auch nicht leiser geworden. Vielmehr war es ihr gelungen, alles um sie herum lauter zu machen. Tag für Tag hatte sie sich dem Gebrüll einer verzehrenden Selbstständigkeit hingegeben, den lauten Tönen einer unbestimmten Rastlosigkeit Gehör geschenkt, den wirren Tönen ihrer unsteten Gedanken zugehört, hatte dem Schmerz ihres Körpers gelauscht, der mehr als lauthals schrie, und sobald sie die Gefahr der Stille bedrohte, verfolgte sie lieber den lärmenden Klang des Lebens anderer. Ihr Inneres war ein tosender, undurchdringlicher, unaufhaltsam herab rauschender Wasserfall geworden, hinter dessen Lautstärke das Heulen des Sturms verschwand.
Noch ein paar Schritte, dann hatte sie die Wellenbrecher erreicht, auf denen sie schon damals gewandelt war. Mit einem beherzten Hüpfer stand sie zuerst wackelig, dann immer sicherer auf den Holzpfählen, die seit jeher der Witterung und der gnadenlosen See trotzten. Langsam verlagerte sie das Gewicht nach vorne und trat auf den nächsten Stamm. Immer weiter näherte sie sich so den höher werdenden Wellen, die sich an den unumstößlichen Wächtern des Strandes brachen. Einige Tropfen landeten auf ihren hellbraunen Stiefeln und hinterließen eine kunstvolle Zeichnung, die sie eine Weile lang betrachtete. Es war definitiv an der Zeit, endlich die Muster, die sie selbst in ihren Alltag gemalt hatte, zu durchbrechen. Sie atmete tief ein und spürte, wie die kalte, salzige Luft in ihre Lungen strömte.
Wenn sie ihren Sturm doch nur einfach mit dem nächsten Atemzug loswerden könnte. Er würde eine Weile über den kleineren und größeren Wellen der Flut umher wirbeln und sich dann in den Weiten des offenen Meeres verlieren. Stattdessen kämpfte sie seit Jahren gegen den falschen Feind, hatte das Gefühl, all ihre Kraft umsonst verbraucht zu haben. Und jetzt, da sie sich entschlossen hatte, dem Sturm Gehör zu schenken, spürte sie, wie er unerträglich laut wurde.
Hier stand sie nun, auf den Wellenbrechern am Anfang des Meeres, wo sie immer nichts als Frieden gefunden hatte, und alles was sie jetzt spürte war dieses vernichtende Gefühl eines unkontrollierbaren Wirbelwinds, der alles in ihr verwüstete, woran sie geglaubt hatte, der alles durcheinander warf, worauf sie gehofft hatte. Sie wollte schreien, weinen, dieses Monster endlich loswerden. Deshalb hatte sie die Stille immer gefürchtet. Weil in ihr die unbändige Angst herrschte, dass dieser Sturm sie vollkommen vernichtet.
Zum ersten Mal stand sie nun dort, die Sonne immer noch wärmend auf ihren Wangen, die Tropfen der brechenden Wellen wie kleine Regentropfen auf ihren Füßen, und kämpfte nicht mehr gegen die äußerlichen Bedrohungen ihres Lebens. Stattdessen sammelte sie all ihre verbliebene Kraft, um die tönenden Lautsprecher in ihrem Kopf leise zu drehen. Sie wusste, dass in der Stille ihr Wirbelsturm wartet. Sie hatte Angst. Aber sie wusste auch, dass mitten in diesem dunklen Sturm noch etwas ist. Etwas, das sie endlich erreichen will. Erreichen muss: Ihre Stimme.
Ihre Augen sind kraftvoll auf die wolkenweiche Linie des Horizonts gerichtet. Ihr Ziel ist vielleicht verborgen, aber es ist da. Das weiß sie genau. Also nimmt sie all ihren Mut zusammen, und atmet kraftvoll aus.