Von der Angst sich selbst zu verlieren, und dem Mut, sich nicht aufzugeben.
Der Sand kitzelte sanft zwischen meinen Zehen, während die eiskalte Brandung meine nackten Füße nur knapp verfehlte. Nebel war aufgezogen, sodass ich kaum weiter sehen konnte als ein paar Schritte. Der Wind kam direkt vom Meer und wehte mir die salzige Luft und meine Haare ins Gesicht. Eine Weile knirschte es gleichförmig unter mir, während ich versuchte, die Unruhe in mir hinter mir zu lassen, doch sie ließ sich einfach nicht ganz abschütteln, egal wie schnell ich vor ihr wegzulaufen versuchte. Wut baute sich in mir auf. Wie eine Welle, die jeden Moment zu brechen droht, würde sie mich von den Füßen reißen. Atemlos blieb ich stehen und starrte auf den Horizont, der vor meinen Augen verschwamm, dabei will ich nichts mehr, als endlich klar zu sehen. Ich spürte, wie meine Füße immer tiefer in den weichen Sand einsanken. Das Wasser zerrte an mir, als wolle es mir die Richtung weisen. Doch woher sollte ich wissen, ob ich ihm nachgeben soll? Sein klammernder Griff wurde immer fordernder, während ich gedankenverloren mit dem Finger über die Muschel strich, die ich schon seit einer Ewigkeit in der Hand mit mir herumtrug. Ich spürte ihre tiefen Rillen und die glatte Oberfläche auf ihrer Innenseite, und dachte, dass sie mich irgendwie an mich erinnert. Auch ich habe im Laufe meines Lebens Schicht um Schicht auf meiner Schale abgelagert, um mich selbst zu beschützen.
Früher, da war ich so frei wie ein Vogel. Ich war unbeirrt und ausgelassen, und voller Überzeugungen, ich war wild und frei und gleichzeitig herrschte vollkommene Ruhe in mir. Ich war neugierig und voller Liebe für jedes einzelne Wesen in meiner immer größer werdenden Welt. Ich war selbstbewusst, aber immer bescheiden, voller lebendiger Fröhlichkeit und unerschütterlicher Loyalität. Die Vielschichtigkeit meiner Gefühle war mein größtes Privileg und mein wertvollster Schatz. Doch dann kam das Leben und formte um all diese wunderschönen, bunten Eigenschaften, Stück für Stück eine Hülle. Mit jeder Phase meines Lebens kam eine weitere Rille dazu, deren Linie sichtbar blieb, wie eine Narbe, die man zu verstecken versucht, aber alle starren sie an, weil sie unverkennbar hinausschreit, dass mit ihr irgendetwas anders aussieht als vorher. Eine Weile lang versuchte ich verzweifelt, die Schale zu öffnen, die alles, was mich ausmachte, gnadenlos in ihrem Inneren gefangen zu halten schien. Mit aller Kraft zog und zerrte ich daran, doch sie blieb unerbittlich. Erst, als ich eigentlich schon zu erschöpft war, um es weiter zu versuchen, gab sie plötzlich ein wenig nach, und gleichzeitig einen kleinen Teil von mir wieder frei. Meine Schale hatte sich in der Zwischenzeit jedoch so gut an die Umgebung angepasst, dass ich irgendwie unsichtbar geworden war. Eine Weile lang nutzte ich diese Tarnung, um mich zu verstecken, weil ich Angst davor hatte, was passiert, wenn ich gefunden werde, und jemand diese halb geöffnete Muschel findet, in deren Inneren vor lauter Dunkelheit aus dem einst so strahlenden Wesen ein blasses Abbild seiner selbst entstanden war. Wie schmerzhaft muss es sein, begeistert aufgesammelt worden zu sein, nur um im nächsten Moment wieder achtlos weggeworfen zu werden, weil man mit nichts aufwarten kann, was es sich zu behalten lohnt. Weil man sich nicht schnell genug öffnen kann, um rechtzeitig preiszugeben, dass sich zwischen der harten, widerstandsfähigen Schale, noch etwas mehr befindet. So verharrte ich also, halb eingegraben im Sand, bewegungsunfähig, und hoffte, dass, wenn einfach nur genug Zeit verginge, sich meine Farben schon irgendwie wieder kräftigen würden. Dass sich mit Geduld meine Schale von selbst weiter öffnen und mein altes Ich offenbaren könnte, das ich so gerne zurückhaben wollte. Doch je länger ich wartete, desto mehr Sand legte sich auf mich, der es mir zunehmend schwerer machte, daran zu glauben, überhaupt je wieder gesehen zu werden.
Eine einzelne Träne löste sich aus meinem Augenwinkel, während ich immer noch sanft die Rillen der Muschel in meiner Hand nachfuhr. Wie hatte ich es so weit kommen lassen können? Wie hatte ich es zulassen können, begraben anstatt befreit zu werden? Wie machtvoll Angst sein kann, gelingt es ihr doch beinahe kinderleicht, eine gesamte Persönlichkeit in sich einzuschließen und verblassen zu lassen. Wieder war da die Welle der Wut, die nun endlich in mir brach.
„Was ist von mir denn überhaupt noch übrig?“, schrie ich aufs Meer hinaus. Wilde, salzige Tränen mischten sich mit der Flut, die weiterhin unbeirrt an mir zog.
In diesem Moment löste sich eine Stimme aus dem Nebel. Sie war kaum lauter als der Wind, und dennoch unüberhörbar. Es war nur ein einziges Wort, das mir zaghaft entgegen schwebte. Nur ein einziges Wort. Und darin eine ganze Botschaft. Eine Botschaft, die es vermochte, aus einer in Widerstand geformten Schale eine unverkennbare Lebensgeschichte zu machen, und in ihrem verblassten Inhalt nicht das Fehlen von Farben zu sehen, sondern die Perle einer Chance, die Angst loszulassen und endlich mutig zu sein.
„Was ist von mir denn überhaupt noch übrig?“, schrie ich.
Und die Stimme antwortete:
„Genug.“