Von der Angst vor der Bewertung anderer, und dem Mut, trotzdem ins Scheinwerferlicht zu treten

Das mit dem Mut verlieren ist bei mir so eine Sache. Ich bin fasziniert davon, was Worte bedeuten, womit sie zusammenhängen, wo es Überschneidungen gibt. Hat Übermut tatsächlich etwas mit Mut zu tun? Oder doch eher mit Leichtsinn? Ist Mut leichtsinnig?

Ich habe meinen Mut doch eher als schwersinnig empfunden. Und mutig gefühlt habe ich deshalb sowieso nicht.

Das, was man überlicherweise als Mut bezeichnet – Überwindung zu Taten, die einen Kraft kosten – habe ich eben lange nicht gezeigt. Jedenfalls nicht nach außen hin. Nach innen gerichteter Mut, zu sich selbst zu stehen und aufrichtig mit sich selbst zu sein, ist ein neues Gefühl für mich.

Als Kind bekommst du recht schnell durch Geschichten erzählt und von Eltern gezeigt und von anderen Kindern gesagt, was Mut zu beweisen bedeutet. Und da haben wir es wieder: Mut beweisen. Zeigen. Nach außen hin ausstrahlen.

Das habe ich die längste Zeit meines Lebens nicht getan. Auch weil ich Mut zu beweisen als etwas verstanden habe, das einen selbst einen gewissen Preis kostet.

Der Regenbogenfisch beweist ja doch auch Mut, wenn er den anderen Fischen seine Schuppen schenkt, um das Bild, das über ihn verbreitet wird – der strahlende, der schönste, der arrogante Fisch – abzulegen. Man kann von der Geschichte halten, was man will, aber mutig ist der Regenbogenfisch allemal. Die anderen Fische hätten sich auch über ihn lustig machen können, nachdem sie seine glänzenden Schuppen bekommen hatten. Sie hätten sich dann von ihm abwenden können, als sie hatten, was sie wollten.

Dass sie das nicht tun würden ist für den Regenbogenfisch in der Geschichte ein absolutes Glücksspiel. Und so riskant Glücksspiele auch sind, im wahren Leben gibt es sie überall. Und dieses Spiel zu spielen ist mutig durch und durch.

Und vielleicht habe ich mich so ein bisschen wie dieser Fisch gefühlt: nicht als strahlend und besser als andere, aber als anders und als würde ich zu viel erwarten. Als wäre ich zu viel. Zu viel für andere und deshalb könnte ich nichts von mir preisgeben. Als dürfte ich nicht. Nicht, weil ich nicht mehr jemand Besonderes wäre, sobald ich mich zu erkennen gäbe. Sondern vielmehr als wäre ich in den Augen derer, die mir wichtig waren, nichts mehr wert, sobald sie wüssten, wer ich wirklich bin.

Also habe ich nun meinen Mut verloren oder mehr und mehr gestärkt? In gewisser Weise beides gleichzeitig.

Es war entmutigend, seit meiner frühen Kindheit zu merken, dass es mich Jahr für Jahr mehr Überwindung, mehr Aufwand, mehr Kraft, mehr Mut kosten würde mich zu öffnen. Und doch war es wohl mutig mich selbst nicht gänzlich aufzugeben. Das hätte ich ja tun können; ich hätte so leben können, dass ich nichts zu verbergen oder nichts zu offenbaren hätte. Ich hätte mich daran halten können, wie es war und den Status quo erhalten können. Als jemand, die mit ihrer Art und Weise ständig zwischen anstrengend auffällig und unheimlich unauffällig hin und her tingelte, die sowohl übermütig als auch missmutig genannt wurde und die sich auch genau so fühlte, habe ich erst lernen müssen, was es für mein Leben ganz persönlich heißt, mutig zu sein.

Tatsächlich gab es diesen Moment, an dem ich aufgeben wollte. An dem mich der Mut verlassen hatte, im Sinne von: so kann es doch nicht weitergehen, aber das muss es doch, so war die letzten siebzehn Jahre doch auch.

Wenn ich gerade so darüber nachdenke, erstaunt es mich regelrecht, dass genau das der Moment war, an dem ich erkannte, was Mut für mich wirklich bedeutet.

Ich hatte die Wahl, aufzugeben oder so weiterzumachen wie bisher.

Aber genau genommen hatte ich eben keine Wahl, denn beides kam für mich nicht in Frage. Und das war vermutlich der Moment, an dem ich mich darauf besann, was ich als Kind unter Beweis gestellt hatte, ohne, dass mir damals bewusst war, wie mutig es war.

Also streifte ich den Oversized Pullover ab und schlüpfte in das Kleid, das ich mir schon so oft angesehen hatte. Ab da bewies ich noch eine ganze Weile jeden Tag den Mut für die Haustür zu gehen, so wie ich wahrhaftig war. Trans zu sein und sein authentisches Selbst zu leben an sich erfordert schon immense Überwindung – vor sich selbst, dem engeren Umfeld und so ziemlich jeder Begegnung im Alltag.

Das hat mich auch gelehrt, dass wahrhaftiger Mut darin besteht für sich selbst mutig zu sein.

Für andere Menschen überwinde ich mich möglicherweise, für mich selbst bringe ich Mut auf. Für andere Menschen leiste ich Überzeugungsarbeit, für mich selbst wachse ich über mich hinaus. Das verstehe ich unter Mut; auf die Probe gestellte Selbstliebe.

Vielleicht fühlte ich mich manchmal wie der Regenbogenfisch: sichtbar, anders, bunt – und doch unsicher, ob ich meine Schuppen überhaupt verschenken darf. Nicht weil sie mich schöner oder richtiger machen würden, sondern einfach, weil ich so bin, wie ich bin. Ich wollte nicht glänzen, um Anerkennung zu bekommen, sondern ich wollte sein dürfen. Und genau das machte das Teilen meiner Farben so riskant – es machte mich verletzlich. Jedes Stück von mir, das ich nach außen gab, konnte von anderen zurückgewiesen werden; die Möglichkeit, enttäuscht zu werden, war real. Und dennoch: gerade dieser Mut zur Verletzlichkeit birgt auch eine Chance. Wenn ich mich öffne, kann ich aufgefangen werden. Ich zeige nicht Überheblichkeit oder Eitelkeit, nur weil ich bunt bin – das Mutige daran ist nicht die Farbe, nicht das Anderssein, nicht die sichtbaren Schuppen.

Das Mutige ist wohl, dass ich bunt bin und mich auch genau so zeige. Dass ich die Angst aushalte und mich trotzdem öffne, trotz Unsicherheit und Risiko. Und genau darin habe ich gelernt, was wahrhaftiger Mut für mich bedeutet: nicht für andere zu glänzen, sondern für mich selbst.

Wohin ging also mein Mut, als er mich verließ? Ich würde sagen, er trat ins Scheinwerferlicht. Da wo er hingehört.