Vom Verlust, und dem Mut, weiterzumachen.
Immer wieder kreisen meine Gedanken um diesen einen Moment, an dem alles irgendwie angefangen hat. Dieser eine Moment, der alles verändert hat. Ich bin durch eine Tür getreten und als jemand anders auf der anderen Seite wieder herausgekommen.
Eine ganze Weile habe ich meine Gefühle ganz tief in mir versteckt, bis sie mich nicht mehr unter sich begraben konnten. Ich habe meine Sicherheit, den Halt in mir selbst verloren. Nichts zu fühlen war meine einzige Chance zu überleben.
Lange Zeit habe ich geglaubt, der Grund für meinen Schmerz wäre die Trennung selbst gewesen. Doch langsam begreife ich, dass das, was mich wirklich von den Füßen gerissen hat vielmehr die Enttäuschung über mich selbst war. In meinem Tagebuch schreibe ich schon lange vorher von Unstimmigkeiten, als hätte ich gespürt, was mich erwartet. Doch Wochen vorher liest man von Hoffnung und Versöhnung. Ich habe mich in dieser Illusion verloren, schwebte im süßen Duft der Erleichterung, bevor die Wahrheit das zaghafte Gebilde meiner Sicherheit wie ein Bulldozer einriss.
Wenn ich heute an die Scheidung zurückdenke fühle ich keine Bitterkeit, keinen Wehmut, keinen verzweifelten Wunsch, dass es sie nie hätte geben dürfen. Und doch haben mich diese drei dunklen Schatten wohl nie so richtig losgelassen.
Immer wieder habe ich versucht, sie zu überstrahlen und die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen. Doch von der Unerschütterlichkeit meines kindlichen Glaubens ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Immer wieder erschaffe ich mir selbst eine Welt voller Schmerz und Traurigkeit, weil das die einzigen Gefühle sind, die mich aus meiner Leere herausholen, die mir das zarte Versprechen geben, wenigstens lebendig zu sein. Zu schrecklich war die Zeit, als ich mich gänzlich verloren hatte. Trauer und Verzweiflung sind immer noch bessere Begleiter als das Nichts.
Immer wieder zeige ich wütend mit dem Finger auf mein Leben und sage „Siehst du, ich habe doch gesagt, dass ich mich in meinem Glück niemals sicher fühlen kann, weil es die Zerstörung magisch anzieht!“ Sobald etwas mein vorsichtig errichtetes Gebilde zu bedrohen wagt, falle ich zurück in dieses Muster, trenne mich emotional von allem, das mir nah genug kommen könnte, um mir noch einmal einen solchen Schmerz zuzufügen, einschließlich mir selbst.
Ich habe mich damals nach Jahren der Anspannung endlich in Sicherheit gewiegt und wurde vom Leben kalt erwischt.
Sicherheit war immer mein größter Wunsch im Leben, doch seitdem rinnt sie mir wie Wasser durch die Finger. Ich kämpfe um sie, um Struktur und Verlässlichkeit, die heilt, was in mir zerrissen ist. Doch egal wie sehr ich es versuche, es will mir einfach nicht gelingen. Nicht in mir selbst. Wie könnte ich erwarten, dass sie mir dann jemand anders schenkt.
Immer wieder scheitere ich selbst an diesem Bedürfnis, verzweifle schier daran, dass nicht einmal ich selbst dafür sorgen kann, dass es erfüllt wird.
Ich vertraue mir selbst nicht mehr. Je mehr ich es versuche, desto lauter wird die Stimme, die mir so unverständlich ins Ohr brüllt, dass ich nicht wirklich verstehe, was sie mir sagen will.
Jahrelang habe ich die Schreie meiner eigenen Stimme mit auf die Ohren gepressten Händen zu ignorieren versucht, doch sie lässt sich nicht beirren. Je mehr ich versuche, sie zu ignorieren, desto lauter wird sie.
All das ist wie Schimmel auf der Tapete. Man kann ihn eine Weile ignorieren, man kann ihn überstreichen, damit man ihn nicht mehr sieht. Aber seine giftigen Sporen bohren sich durch jede Farbschicht und vergiften unbemerkt die Luft, die wir atmen. Und irgendwann ist die Schicht aus Farbe so dick, so vermeintlich undurchdringlich – bis sie einfach zerbricht.
Im Laufe meines Lebens habe ich all den Schmerz und die Ent-Täuschung unter einer dicken Farbschicht zu verstecken versucht. Doch der neue Anstrich kann nicht für immer über das hinwegtäuschen, was sich darunter verbirgt.
Irgendwann formt sich daraus ein tödliches Monster, das alles um sich herum verschlingt.
Ich dachte wirklich, ich hätte das alles hinter mir gelassen.
Doch in Wahrheit bin ich heute, 17 Jahre später, eigentlich immer noch in diesem Auto, in dem es so unglaublich still ist, und warte darauf, welche Wahrheit in wenigen Augenblicken mein Leben für immer verändern will. Verdammt, ich hasse es zu warten. Irgendwie hat sich nichts verändert. Aber ich. Und alles. Und nichts.