Von der Angst einander zu verlieren, und dem Mut, sich der Vergangenheit zu stellen.
Immer wieder frage ich mich, wie es möglich ist, dass selbst nach beinahe zehn Jahren diese Lücke zwischen uns ist. So Vieles haben wir bereits gemeinsam erlebt, gelöst, Mauern gebaut und mühsam Stein für Stein wieder eingerissen, uns jeden einzelnen Tag füreinander entschieden, bewusst und voller Überzeugung, dass es das Richtige ist, und das, was wir wollen. Und dennoch ist es, als würden wir uns nicht vollkommen ineinander fallen lassen. Als wäre da dieser Sicherheitsabstand, der manchmal kaum sichtbar, dafür nicht selten deutlich spürbar ist. Schon lange bin ich auf der Suche nach dem Puzzlestück, das endlich ein ganzes Bild daraus macht. Für andere ist das Gefühl, dass alles in bester Ordnung ist, das höchste Gut. Für mich ist es immer noch eine leuchtend rote Warnung, dass bald etwas sehr Schlimmes passiert. Aus diesem Grund gibt es möglicherweise noch einen Teil in mir, der diese „Ordnung“ torpediert, um diesen Lauf des Schicksals nicht noch einmal zu erleben. Es mag sein, dass ich lieber streite, als zu riskieren, mich sicher zu fühlen, nur um kurz darauf aus dem Hinterhalt unvorbereitet verletzt zu werden. Nun müsste man meinen, dass es mir mit dieser Gewissheit möglich sein sollte, Licht in das Dunkle unseres Sicherheitsabstands zu bringen, doch immer noch erscheint er mir an vielen Tagen unüberwindbar. Das mag daran liegen, dass, selbst wenn es mir gelingt, einen Schritt auf dich zuzugehen, da immer noch dein Teil des Wegs ist, der nicht beleuchtet ist. Dabei zweifle ich keine Sekunde an deiner Liebe zu mir, daran, dass du meine Zukunft bist, dass wir zueinander gehören. Stattdessen habe ich das Gefühl, dass wir uns seit Jahren selbst im Weg stehen. Wir wollen zusammen sein. Wir wollen uns gegenseitig lieben und unterstützen. Wir wollen ein echtes Team werden. Wir wollen eine Zukunft und wir wollen eine Familie.
Was wir jedoch beide nicht wollen, ist den Schmerz noch einmal zu erleben, auf den wir fein säuberlich das Etikett „Vergangenheit“ geklebt haben. Wir konzentrieren uns so sehr darauf, nach all dem, was wir erlebt haben, gemeinsam und unabhängig voneinander, mutig zu sein, dass wir vollkommen vergessen haben, dass Mut nicht ohne Angst existieren kann. Mutig sein heißt nicht, furchtlos zu sein. Mut bedeutet, Angst zu haben, und es trotzdem zu tun. Doch wenn wir uns immer nur vornehmen, alles besser zu machen, erzeugt das Druck, alles richtig machen zu müssen und nicht einmal ein gemeinsames Kind wird über diesen Spalt zwischen uns hinwegtäuschen können. Aus irgend einem Grund fassen wir Veränderungen zwar ins Auge, aber unsere Füße bewegen sich nicht in ihre Richtung. Wir sind wie festgewachsen, verdammt dazu, etwas zu begehren, was ein Teil von uns fürchtet. Ich glaube, wir können erst dann einen Schritt machen, wenn wir bereit sind, zuzugeben, dass wir unfassbare Angst haben. Dass wir vielleicht mutig sein wollen, es aber nicht immer schaffen werden. Wir können nur losgehen, wenn wir akzeptieren können, dass wir uns manchmal verirren werden, dass wir Pausen brauchen, dass es manchmal hart und manchmal leichter werden wird als gedacht. Und genau das ist das Problem. Diese Einstellung erfordert die Fähigkeit, anzunehmen, verletzt zu werden. Wenn wir losgehen, ist es beinahe, als würden wir einen Vertrag unterschreiben, der uns Schmerz garantiert. Wieso sollten wir das tun, wo wir ihn gut genug kennen, um zu wissen, dass wir ihn um jeden Preis aus unserem Leben aussperren wollten?
Spätestens seit dem dritten Jahr in Hogwarts wissen wir, dass die am schwersten zu bezwingende Angst die Angst vor der Angst selbst ist. Doch vielleicht können wir von Professor Lupin noch etwas lernen. Nämlich, dass die einzige Möglichkeit, sie zu besiegen, ist, sich vollkommen und wahrhaftig in die glücklichsten Erinnerungen fallen zu lassen. Beinahe eine ganze DIN-A-4-Seite später weiß ich immer noch nicht, wie wir diese Lücke zwischen uns füllen können. Was ich jedoch mittlerweile weiß, ist, dass wir durch eine angelehnte Hintertür vielleicht jederzeit fliehen können, wenn die Angst zu groß wird. Doch diese Tür wird immer wieder dafür sorgen, dass durch den Luftstrom, den sie hindurch lässt, andere Türen, die vielleicht ja zu ganz wundervollen Orten führen, unwiederbringlich zuschlagen. Deshalb wünsche ich mir für uns, dass wir endlich aufhören, mutig sein zu wollen, und stattdessen Hand in Hand der Angst gegenübertreten. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, diesen dunklen Spalt zwischen uns mit Licht zu füllen – und wir darin endlich den Schlüssel zu finden, um diese verdammten Hintertüren ein für allemal abzuschließen. Denn wenn mich unsere gemeinsame Vergangenheit eine Sache gelehrt hat, dann, dass wir es einander und uns selbst wert sein sollten, dem Schmerz die Stirn zu bieten, und daraus etwas Wunderbares zu machen.
Weder ein Irrwicht, noch ein Dementor werden kleiner, nur weil man sie im Schrank einsperrt. Ich bin bereit, inn treizulassen. Komm‘, gib‘ mir deine Hand und lass es uns gemeinsam tun.
Okay?